Lyrics

an cunta che

Der Wind zwischen Wald und Wiesenhängen ist nicht mehr ganz warm. Das Fanesgebirge leuchtet tieforange hinter der aufgelassenen alten Kirche von La Val, bevor die Sonne verschwindet und die alten Fresken auf den Mauerresten in der Dunkelheit versinken. Der Wind bleibt, schleicht leise um die Mauern, bevor die Nacht anbricht. Durchatmen. Hören. Fühlen. Sein: Zwischen Tag und Nacht, Licht und Schatten, Gestern und Morgen.

Aus solchen Momenten entstehen manchmal Geschichten, wenn sich Erleben, Erinnerungen, Gesagtes, Erfundenes, Geträumtes vermischen. Einige davon wurden früher zu Sagen, Märchen und Mythen: Geschichten zu erzählen ist ein menschliches Bedürfnis wie Essen, Tanzen oder Musik machen. Auf der ganzen Welt haben die Menschen seit jeher ihr Wissen übers Dasein in Geschichten gepackt: Geschichten über Prüfungen, die Suche nach sich selbst, über die Liebe, über Werden und Vergehen, über die Natur als Spiegel des Lebens. Und darüber, was Leben heißt und wie man damit umgehen kann. Viele sind so aktuell und zeitlos, dass wir sie etwas abgewandelt genauso im heutigen Leben finden oder selbst erleben.

An cunta che heißt auf Deutsch „Man erzählt, dass…“: Über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende haben in Ladinien die cuntastories – Geschichtenerzähler – in langen Nächten am Feuer oder in den Spinnstuben ihr Können zum Besten gegeben. Die ladinischen Sagen sind europaweit einzigartig, die Ursprünge der Sage vom Reich der Fanes z.B. sind wahrscheinlich noch älter als Homer. Dass sie sich erhalten haben, grenzt an ein Wunder, denn aufgeschrieben wurden sie erst um 1900.

Ganes haben die Tradition der cuntastories neu definiert. Teile der ladinischen Sagen und ihre Bilder werden direkt erzählt oder als Grundlage für eigene Gedanken und Variationen genutzt, so wie es die cuntastories getan haben. An cunta che ist eine Reise durch die Jahrtausende – ein Reise, auf der uralte Vorstellungskraft auf heutiges Denken und Gefühle trifft, umgesetzt in die universelle Sprache der Musik. Durchatmen. Hören. Fühlen. Sein: Der Wind schleicht auch um die Mauern, wenn sie aus Glas und Stahl sind.

Moltina

canche le sorëdl y le
prüm rai spizora do ca
la rosada dla doman
ales flus n baje i dá
ora él da jí a cianté cun i vicí
mi cör ligher y busiënt
me fej i crëps sintí

i salti cun les muntagnoles
m’ascogni do na pera y vá
i bali cun les muntagnoles
ia y ca, ia y ca

mi bel jonn, i ne pó plü sté
i me sënti te na porjun
pordona mi incherscimun
mo al me fej amaré
d’or, arjënt y perles
ne m’un feji püch
la belëza de mies munts
te me impëia n füch

Moltina

Wenn der erste Sonnenstrahl
Über den Gipfel scheint
Und Morgentau
Die Blüten küsst –
Zeit mit den Vögeln zu singen
Mein Herz froh und munter
Lässt mich die Berge fühlen

Ich springe mit den Murmeltieren
Verstecke mich und laufe
Ich tanze mit den Murmeltieren
Hin und her, hin und her

Mein schöner Jüngling, ich kann nicht bleiben
Ich fühle mich gefangen
Verzeih mir mein Heimweh
Aber ich geh daran zugrunde
Ich mach mir nichts
Aus Silber, Gold und Perlen
Aber die Schönheit meiner Berge
Lässt das Feuer in mir brennen

Ey De Net

n de da doman
paré demez este gnü
zënza avëi podü
dí adio a to amur
ai t’â avisé
che an ne sciampa nia al destin
ma che cun to cör
ne oste odëi la fin

oh, tan ch’i oress ciamó t’odëi
oh, sëgn la storia devënta vëi
oh, tan ch’i oress ciamó t’odëi
oh, mo le destin ne se lascia nia

verier valorus
vagant zënza travert
naufraghé amesa al mer
de sonns y corai
t’es fat düt pur defëne
dales saites strinades
la prinzëssa dl rëgn de fanes
nia ma to cör á arobé
arendü aste tut comié
va col vënt

Ey De Net

Eines Tages früh am Morgen
Wurdest du verjagt
Ohne Chance, deiner Liebe
Lebewohl zu sagen
Sie hatten dich gewarnt,
Man entrinnt dem Schicksal nicht
Nur willst du mit deinem Herzen
Das Ende nicht sehen

Oh, wie ich dich noch sehen möchte
Oh, jetzt wird wahr, was geweissagt wurde
Oh, wie ich dich noch sehen möchte
Oh, aber das Schicksal lässt nichts zu

Tapferer Krieger,
Du reist ohne Ziel
Schiffbrüchig in einem Meer
Voller Träume und Korallen
Du hättest alles getan
Die Prinzessin der Fanes
Vor den verzauberten Pfeilen zu retten
Sie hat nicht nur dein Herz erobert,
Du nimmst ergeben Abschied,
Geh mit dem Wind!

Tana

sora, zircundada da crëps de dlacia
florësc te to cör
n maz de flus d´altonn
de pera to popul, tües munts y tüa patria
mo tö, na prinzëssa da n’anima d’ory tralasciada da düc canc
mi cil devënta sarëgn
risa zënza spines desflorësc
te es ma plü n recortpisc zënza pedies, to amur zënza früc
to cör tënder devënta de dlacia danü
te to monn ne poste nia ester te instëssa
y tl ater la jënt te tol les flus y les mët a sëchy tralasciada …
Tana

Allein, umgeben von Bergen aus Eis
Ein Strauß aus Alpenrosen
Blüht in deinem Herz
Dein Volk aus Stein, wie deine Berge und die Heimat
Aber du, Prinzessin mit der goldenen SeeleVerlassen von allen
Wird mein Himmel wieder klar
Eine Rose ohne Dornen, die verblüht
Du bist nur ErinnerungDeine Schritte ohne Spuren, deine Liebe ohne Früchte
Dein weiches Herz wird wieder Eis
In deiner Welt kannst du nicht du sein
In der anderen nehmen die Menschen dir dein BlühenUnd lassen es vertrocknenVerlassen …

Dolasila

Dolasila, sciampa dala vera
dala vera sciampa!

na jona da ria lüna vá
raita sora fora pur chi pra
i bi corusc dl altonn debann
slomina sön tüa pel

desconsolada porteste le pëis
massa dî al jüch aste fat pert
parora n’oste mantigní
a chël che te ama

Dolasila, sciampa dala vera
dala vera sciampa!

le grisc mantel dla sëra vëgn
na gran pora les ambries fej
ti scinches les saites d’arjënt
pordü aste prinzëssa

Dolasila

Dolasila, flieh vor dem Krieg,
Vor dem Krieg sollst du fliehen!

Eine betrübte junge Frau
Reitet allein über die Wiesen hinaus
Die schönen Herbstfarben
Leuchten umsonst auf ihrer Haut

Trostlos erträgst du Kummer
Zu lang hast du das Spiel mitgespielt
Und dein Wort willst du nicht halten
Dem, der dich liebt

Dolasila, flieh vor dem Krieg,
Vor dem Krieg sollst du fliehen!

Der Abend kommt im grauen Mantel
Drohend schleichen Schatten
Du schenkst ihnen die silbernen Pfeile
Verloren hast du, Prinzessin



La Pesc Gnará

la pesc gnará
sura la valada
sëgn che i m’un vá
cun cör lisier
jori demez da chësc monn chiló
deuri na porta sora
lamënt tan stanch
sorví de me te as
ingorde re

porta la pesc sura düt le monn indô
adorun pesc, adorun pesc, adorun pesc

ma cun mia mort
davagni liberté
perdi l’amur
te m’as fat crëie
che mi destin foss sté combate pur
gloria y onur, ilujiun

Frieden wird kommen

Frieden wird kommen
Übers Tal
Jetzt, wo ich mit
Leichtem Herzen gehe
Von der Welt wegfliege
Allein eine Tür öffne
Erschöpfte Klage
Du hast mich benutzt,
Habgieriger KönigBring wieder Frieden für die ganze Welt
Wir brauchen Frieden, wir brauchen FriedenErst mit dem Tod
Werd ich frei,
Verliere aber meine Liebe
Du hast mich glauben lassen
Es wäre mein Schicksal
Um Ruhm und Ehre zu kämpfen –
Illusion!



Lech Dl Ergobando

sce i ne t’ess mai incunté
foss chësc monn pur me da su
pesc te mia anima y cör
destënn foray le de mët man danü
al se alza n ciarü
sot ai crëps n lech bel su
n monn strinéhehe hohonoda noda te mi lech
ligherzina cun i pësc
tüa grazia me amarësc
te ne me vëighes niasciöch’ n spidl te ái sfruzié
ergobando a mile corusc
te infurnëies sëgn mi post
me seres deforai bali y bali
y canche te t’ojes na legherma
i bali y bali
y tö ne vëighes nia mi amur …
Regenbogensee

Hätt ich dich nie getroffen,
Hätt ich diese Welt für mich allein
Frieden breitet sich in meinem Herzen aus,
Frieden in der SeeleDer Tag fängt an, neu
Und der Nebel steigt,
Unterm Berg ein stiller See
Verzauberte WeltHehe HohoSchwimm, schwimm in meinem See
Ganz leicht mit den Fischen
Deine Grazie tut mir weh,
Und du siehst mich nichtRegenbogen mit den tausend Farben,
Wie einen Spiegel hab ich dich zerbrochen.
Du zierst jetzt mein Zuhause
Und du sperrst mich ausIch tanze und tanze
Wenn du wegschaust, eine Träne
Ich tanze und tanze
Und du siehst meine Liebe nicht…



La Munt Dal Scioz

n üsc ascognü da trognores de ciüf dl tonn
porta da te
ma n per de peres me despartësc
y tëgn dalunc da te
i aldi le rondení dl sonn de n cor dalunc
amesa crëps
incünda vöia de san jan, le de
che fej poscibl dütahhhi me perdi te n monn de lüms y cristai
or y arjënt
mo lisier é indô mi cör canch’i me intëni
che al é ma n sonnahhh
Der Schatz im Berg

Eine unbekannte Tür, versteckt
Von Alpenrosen, führt zu dir
Nur ein paar Steine trennen uns
Halten mich entfernt von dir
Das Echo eines Horns, ich höre es
Fern aus den Bergen
Verkündet den Tag des heiligen Johannes
Der alles möglich machtahhhUnd ich verliere mich in einer Welt
Aus Licht, Kristall, aus Gold und Silber
Aber mir wird‘s leicht ums Herz, als ich erkenne:
Es ist alles nur ein Traum.ahhh



Crëps slauris

scurité zënza te
zënza te sunsi pordü
i ó balé n bal cun te
mo i n´aldi plü degun sonno recort de n ciüf blanch
porta n sonn de mile corusc
se á spaché nosc amur
scurité te mies muntslüna nöia, mesa, colma
tüa lüm porti te mi cör
vire ne pói zënza te
n ultim bal, n bal cun me
Die Bleichen Berge

Dunkelheit: Ohne dich
Ohne dich bin ich verloren
Ich will mit dir tanzen
Kann keine Musik mehr hörenDie Erinnerung an eine weisse Blume
Bringt Klang aus tausend Farben,
Unsere Liebe ist zerbrochen,
Dunkelheit in meinen BergenNeumond, Halbmond, Vollmond
Dein Licht trag ich im Herzen
Ohne Dich kann ich nicht leben
Ein letzter Tanz, ein Tanz
Mit mir.



Temp Impormetü

te n ciastel de spidl sunsi
te na porjun
i n’á mai odü lüm, al mancia lominus
sciampé ne podunse
(bel tan dî ái aspeté)
ëi nes á dit ch’al gnará le de
olach’an se stá bun
(legherma de pesc che toma alalt dal cil)
speranza no me lascé, pordonn dess nes abracé
fina la fin
(toma dal cil, bel tan dî ái aspeté)

leghermes bel indô, bel indô
leghermes bel indô, leghermes bel indô

aspeta al tëmp impormetü
i orun dé tres deplü
soferënza passada
l’amur vir

y canch’i sun jö en funz al lêch
y canch’i sun sö insom al crëp
a che aspeteste tö regina
aste la tle pur chësta porta

Die Verheißene Zeit

Gefangen in einem Schloss aus Glas
Habe ich nie Licht gesehen
Es fehlt die Helligkeit
Wir können nicht entfliehen
(Schon so lang habe ich gewartet)
Sie haben uns gesagt, der Tag wird kommen
An dem es uns gut gehen wird
(Träne des Friedens, die vom Himmel fällt)
Hoffnung, verlass mich nicht
Vergebung soll uns umarmen
Bis zum Ende

Tränen schon wieder, schon wieder Tränen

Warte auf die Verheißene Zeit
Lasst uns mehr geben
Leid ist Vergangenheit
Die Liebe lebt

Und wenn ich am Grund des Sees,
Wenn ich hoch oben auf den Bergen bin,
Auf wen wartest du, Königin?
Hast du den Schlüssel zu dieser Tür?


Lomiscel dl salvan

al é n tëmp che ne se röia mai
pur me
nia le sorëdl y nia les leghermes
al n’é nia plü
n debojëgn pur nosal ne sá nia plü de iubilé
me a pesé incö cun mi mantel
al n’é nia plün debojëgn pur nos
lalala i firi y firi inantdefora da finestra düt
vá inantma le fi che iö firi s’á rové
al n’é nia plü
n debojëgn pur nos
lalala i firi y firi inant
Die Wolle des Salvan

Es gab eine Zeit für uns
Die nie zu enden schien
Weder die Tränen noch die Sonne
Aber wir brauchen uns nicht mehrEs gibt keinen Grund
Zum Jubeln mehr
Heut steh ich auf der Waage
Im schweren Mantel meiner Emotion
Wir brauchen uns nicht mehr
Lalala ich spinne, spinne weiter WolleDraußen hinterm Fenster
Geht alles weiter seinen Gang
Doch der Faden, den ich spinne
Ist zu Ende
Wir brauchen uns nicht mehr
Lalala…



Die Sage vom Reich der Fanes:

Das Waisenkind Moltina, mit letzter Kraft von ihrer sterbenden Mutter Molta zu einer Anguana (Wasserfrau) an der Hohen Gaisl zwischen Toblach und Cortina gebracht, wird von dieser und Murmeltieren aufgezogen und kann sich sogar in ein Murmeltier verwandeln. Sie steht mit der Natur in direkter Verbindung: Die besondere rote Farbe der Felsen der Hohen Gaisl, heißt es, rührt daher, dass Moltina einmal in Verlegenheit geriet und rot wurde – im selben Moment wurde der Fels rot. Moltina heiratet den Prinzen eines benachbarten Volkes; der Prinz hilft bald darauf dem von anderen angegriffenen, friedliebenden Volk der Fanes, sich zu verteidigen; Moltina und ihr Prinz werden zu den „Stammeltern“ des Königshauses der Fanes. Sie gehen einen Pakt mit den Murmeltieren ein, und das Murmeltier prangt aufgemalt an der Burg und auf den Schilden der Fanes.

Die letzte Königin der Fanes heiratet einen Fremden, vor dem sie das Bündnis mit den Murmeltieren geheim hält; es gibt den Brauch des Zwillingstauschs in einem derartigen Bündnis: Werden Zwillinge geboren, bekommt der Bündnispartner einen davon; die Königin bekommt Zwillinge, der Zwillingstausch mit den Murmeltieren findet statt. Gleichzeitig schließt der König einen neuen Bund mit dem König der Adler, eigentlich dem König der einarmigen Menschen, die weit draußen auf einer Insel im Meer leben. Als dem Adler die kleine Prinzessin Dolasila und ein Murmeltier angeboten werden, entscheidet er sich für das Murmeltier, das ihm bei einer Rast entwischt. Dolasilas Schwester Luianta ist in die Obhut der Murmeltiere gegeben worden.

Mehrere Fanes-Soldaten halten Nachtwache am Falzarego-Pass, in der Nähe zieht der Zauberer Spina de Mul vorbei, Besitzer der „Raieta“, eines magischen Kristalls. Ein junger, namenloser Krieger von einem anderen Stamm kommt dazu, genauso wie der Knappe, der Dolasila auf dem Rückweg vom Zwillingstausch nach Hause bringen soll und von Spina de Mul angegriffen wurde. Als der Zauberer wieder angreift, wird er von dem jungen Krieger besiegt, der von ihm den Namen Ey de Net (Nachtauge) bekommt; Ey de Net gewinnt auch die Raieta, die Spina de Mul während des Kampfes verloren hat, und schenkt sie der kleinen Prinzessin Dolasila.

Jahre später: Dolasila, inzwischen eine junge Frau, besitzt silberne, verzauberte Pfeile, die stets ihr Ziel treffen: Ein Geschenk von Zwergen an einem verzauberten See, denen Dolasila einen Teil des von ihrem Vater geraubten Seeschatzes zurückgibt, bringt sie in den Besitz eines besonderen Silbers und eines Panzers aus Silber und Hermelinfell. Dolasila führt die Fanes auf Drängen des eroberungssüchtigen Vaters von Sieg zu Sieg; Ey de Net, der als Prinz eines gegnerischen Stammes gegen die Fanes kämpft, verliebt sich während einer Schlacht in Dolasila, die während dieser Schlacht durch einen ebenfalls verzauberten Pfeil von Spina de Mul verwundet wird. Im Folgenden tritt Ey de Net in ihre Dienste und schützt Dolasila durch einen wiederum verzauberten Schild, hergestellt von Zwergen am Latemar, auch gegen verzauberte Waffen; als die beiden heiraten wollen, verweigert der Vater diese Heirat; er weiß, dass Dolasilas Kräfte durch eine Heirat verloren gehen werden und schickt Ey de Net ins Exil. Dolasila und Ey de Net haben sich jedoch das gegenseitige Versprechen abgenommen, ohne einander nicht mehr zu kämpfen. Als die Feinde den Fanes erneut den Krieg erklären, lässt sich Dolasila auf Bitten ihrer Mutter und des Volkes überreden, doch wieder in den Kampf zu ziehen. Am Abend vor der Schlacht lässt sich Dolasila bei einem Ausritt von merkwürdigen zerlumpten Kindern 13 ihrer Pfeile abnehmen; Wasserfrauen weissagen Ey de Net den baldigen Tod Dolasilas. Der König verrät währenddessen sein Volk – als Gegenleistung für das Versprechen, Arbeiter für seine Suche nach einem unterirdischen Goldschatz zu bekommen. Die folgende Schlacht der Fanes gegen die vereinten gegnerischen Heere auf der Pralongià-Hochfläche endet mit einer verheerenden Niederlage der Fanes; Dolasila stirbt durch 7 der Pfeile, die sie sich hat abnehmen lassen, da sie nicht durch Ey de Net und seinen Schild geschützt wird; der verräterische König wird versteinert; die Königin ruft nach den Murmeltieren, und Luianta erscheint kurz nach dem Neumond. Mit ihrer Hilfe fliehen die verbliebenen Fanes in die Gebirgshöhlen zu den Murmeltieren.

Auf Rat und unter Mithilfe der Murmeltiere können die Fanes über sieben Jahre ihr Reich in seinen ursprünglichen Grenzen zurückerobern; der Prinz vom Stamm der Adler ist damit jedoch nicht zufrieden und lässt eine schon fast vollendete Übereinkunft mit den Gegnern scheitern; in der letzten Schlacht werden die Fanes bis auf wenige Frauen und Kinder getötet und fliehen erneut zu den Murmeltieren. Der Enkel der letzten Königin, Lidsanel, Sohn des Adlerprinzen, hat die Möglichkeit, das Reich wiedererstehen zu lassen. Er weiß bzw. will aber keine magische Hilfe an(zu)nehmen. Luianta und die alte, blinde Königin fahren währenddessen jedes Jahr in einer Sommernacht über den Pragser Wildsee, in der Hoffnung, die silbernen Trompeten der Fanes zu hören, die die Erneuerung des Reichs ankündigen sollen. Die Königin fühlt, dass Lidsanel tot ist. Als die Trompeten schließlich zu hören sind, kann niemand antworten, denn Lidsanel ist tatsächlich tot. Die letzten Überlebenden der Fanes warten in den Höhlen der Murmeltiere auf die „Verheißene Zeit“.

Die ersten Belege für (noch nicht sesshafte) Menschen in den Dolomiten sind rund 8.000 Jahre alt. Die Ausgrabungen bei Sotciastel in Alta Badia datieren eine erste feste Siedlung dort auf etwa 1650-1600 v. Chr. Die Dolomitensagen, vor allem die vom Reich der Fanes, tragen uralte Elemente in sich, wie sie in Europa sonst nur selten überliefert sind: Einige davon – wie die Murmeltiere und Adler in der Fanes-Sage – weisen auf Totemtiere hin, die zu Jäger- und Hirtenvölkern gehören. Spina de Mul ist mit ziemlicher Sicherheit so etwas wie ein Schamane. Dazu gibt es – wie überhaupt in den Dolomitensagen – viele Hinweise auf eine von einer „Großen Göttin“ geleitete Ackerbaukultur. Die Fanes-Sage kann es nach Meinung vieler Experten mit ihrer Geschichte, ihren Inhalten und messages durchaus mit den großen griechischen Mythen aufnehmen: Sie ist, wie die Südtiroler Germanistin und Sagenforscherin Ulrike Kindl verdeutlicht, ein so genannter „Ursprungsmythos“, der von der Entstehung eines Volks bzw. einer Welt erzählt, vom verlorenen Paradies, von der Erbsünde, von Schicksal, Untergang und Verheißung.

Wahrscheinlich haben die ersten Menschen, die in den Dolomiten sesshaft wurden, ihren eigenen Mythos „mitgebracht“ und ihn im Lauf der Zeit den Landschaft und ihrer Lebenswelt angeglichen – und im Fanesgebirge zwischen Enneberg, Val Badia und Cortina d‘ Ampezzo angesiedelt. Es ist ein bisschen wie mit einer Ausgrabung – man findet Schicht um Schicht, und je tiefer man gräbt, umso spannender wird es: Als der Journalist und Sagenforscher Karl Felix Wolff um 1900 auf die Bruchstücke dieser Sage stößt, bemüht er sich, sie als einheitliches Ganzes wieder zusammenzusetzen. Dass er sich dabei mancher Freiheit bedient hat, gibt er selbst unumwunden zu. Deswegen kommt die Sage fälschlicherweise manchmal etwas nibelungenmäßig daher oder lässt an Grimms Märchen denken – Dolasila z.B. war aber aller Wahrscheinlichkeit nach keine Walküre oder Amazone, sondern eine Verkörperung einer Fruchtbarkeitsgöttin wie die griechische Artemis.

Das ändert nichts an der Wucht der Geschichte, die ähnlich wie die griechischen Mythen von den großen Fragen des Lebens erzählt – man kann da herauslesen, dass es z.B. sinnvoll ist, sich selbst zu kennen und zu wissen, mit wem man es bei sich selbst zu tun hat; dann mag man auch andere wertschätzen und „erkennen“; Geist und Materielles ergänzen und durchdringen einander – wer das versteht und beide kennenlernt, lernt im Einklang mit dem zu leben, was uns umgibt, kann sich unterschiedlichen Gegebenheiten anpassen und Gegensätze ausgleichen. Er (er)kennt Sinn und Zweck der „Goldenen Mitte“ zwischen ihnen und weiß, wie sinnvoll und wichtig es ist, mit der Natur und nicht gegen sie zu leben. Alles ziemlich aktuell, könnte man meinen. Kein Wunder, dass die Fanes-Sage das Nationalepos der Dolomitenladiner ist.

Allgemeines:

Überhaupt sind die Dolomitensagen ein ziemlich vielschichtiger Schatz an faszinierenden Geschichten, Lebensweisheit und durchaus auch psychedelischen Bilderwelten. Ein schönes Beispiel ist die Sage, von der die Dolomiten den Namen „Die Bleichen Berge“ haben: Ein Prinz jenes Reichs, das heute Dolomiten genannt wird, bewundert den Mond und will unbedingt dorthin reisen. Schließlich gelingt es ihm mit Hilfe zweier Mondbewohner, die er auf einem seiner nächtlichen Streifzüge durch die Berge in einer Wolke trifft. Auf dem Mond angekommen erreicht er – wie vorher geträumt – den Königspalast, wo er die Mondprinzessin trifft, der er einen Strauß mitgebrachter Alpenrosen schenkt. Die Prinzessin folgt ihm als seine Braut auf die Erde. Auch sie bringt eine Blume vom Mond mit, das Edelweiß. Doch die Prinzessin bekommt Heimweh nach dem Mond und seiner hellen Landschaft. So sehr sie die Wiesen und Täler der Erde schätzt, so wenig erträgt sie die dunklen Berge. Bald schwebt sie in Lebensgefahr. Der Prinz kehrt deswegen mit ihr auf den Mond zurück, wo er jedoch – wie schon bei seinem ersten Besuch angekündigt – wegen der gleißenden Landschaft schnell zu erblinden droht. Also kommt er wieder zurück auf die Erde, jetzt noch schwermütiger und untröstlicher in seiner Mondsehnsucht als je zuvor. Während eines Gewitters trifft er in einer Höhle den König der Salvans, der mit seinen Leuten aus seinen Reich vertrieben worden und auf der Suche nach einer neuen Heimat ist. Beide erzählen sich ihre Geschichten, und gegen die Zusicherung, in Zukunft in den Hochwäldern und Felsen der Berge leben zu dürfen, lässt der König der Salvans seine Leute in einer Vollmondnacht die Berge mit Mondlicht überziehen. Mit den nun in mattem Glanz leuchtenden Felsen wird es der Mondprinzessin – die mittlerweile auch auf dem Mond lebensgefährlich erkrankt ist –  möglich, wieder auf die Erde zurückzukehren und dort mit ihrem Gatten zu leben.

Hier haben wir es möglicherweise mit den Resten einer Geschichte zu tun, die uns – wie viele andere in den (ladinischen) Dolomiten – auf jene Zeit zurückführt, als die Dolomitenregion wahrscheinlich einer „Großen Göttin“ geweiht war. Diese alte Gottheit war „die Beschützerin der Fruchtbarkeit, der Geburt und auch Wächterin der Seelen“ bis zu einem neuen Zyklus der Natur bzw. der Jahreszeiten, wie Ulrike Kindl ausführt – unter der Herrschaft der im Rhythmus der Mondphasen wahrgenommenen Zeit. Die Zyklen des Lebens und des Jahres waren von entscheidender Bedeutung für die frühen Ackerbaukulturen. Auch in der Figur der Tana vermutet Ulrike Kindl ein Symbol der „Großen Göttin“ in Form „der Herrscherin über den unerbittlichen Lauf der Zeit und der Wiederkehr“.

Darüber hinaus scheint die Sage, psychologisch betrachtet, auch von den prinzipiellen Grundlagen des Lebens wie dem Rhythmus von Werden und Vergehen, dem Ausgleich der Gegensätze in Welt und Psyche zu erzählen: Der Mond steht als Symbol seit jeher in Verbindung mit dem Unbewussten, mit dem Weiblichen, den Lebenszyklen; der berühmte Schweizer Psychoanalytiker C.G. Jung sah im Unbewussten auch eine Quelle der Erkenntnis wie des Verderbens – wer sich in die tieferen Schichten seiner Psyche wagt, bekommt es sozusagen mit Drachen, Tod und Teufel zu tun. Wer sie aber kennenlernt und die Drachen „überwindet“, wird als neuer, weiser Mensch „zurückkehren“. Von dieser inneren Reise berichten weltweit unzählige Sagen und Mythen mit unterschiedlicher Motivik – auch „Der Schatz im Berg“ mag damit zu tun haben.

Das Gegensatzpaar Mond – Erde können wir z.B. auch interpretieren als Unbewusstes – Bewusstes, Traum – Realität oder auch Frau – Mann; der Prinz ist also auf der Suche nach seiner komplementären Hälfte, vielleicht auch nach der Erkenntnis, die sich durch eine „Reise“ ins Unbewusste bzw. zum „Weiblichen“ hin eröffnet: Gegensätze brauchen einander, müssen sich erkennen und austauschen. Soll Leben entstehen und sich weiterentwickeln, ist es unmöglich, nur in einer der beiden Welten zu leben. Der König der Salvans, die in der Überlieferung gemeinhin gern als die Ureinwohner der Dolomiten „gelesen“ werden, wie aber die Salvans allgemein eher eine Verkörperung der Naturkräfte bzw. des Göttlichen in der Natur darstellen, kann hier auch als Bote des Unbewussten gesehen werden, der vom Verstand aus seinem angestammten Reich „vertrieben“ worden ist und zum „Retter“ wird, sobald die reine Logik „aufgibt“.

Durch diesen „Helfer“ wird der Ausgleich zwischen beiden Welten erreicht, denn auch die Mondprinzessin kann ja nicht ohne ihren Gatten und ist selbst auf dem Mond krank geworden. Das Überziehen der Berge mit Mondlicht macht die Welt „heller“: Das Unbewusste wird bewusst, das richtige Maß an Erkenntnis „erleuchtet“ die Welt. Wer zu viel „Mond“ hat, erblindet, wer zu viel „dunkle Berge“ hat, wird depressiv. Oder: Wer zu viel Sehnsucht  hat, erblindet für das, was die Welt bietet, und wer zu sehr in der Welt hängt (ohne Bemühen um Erkenntnis), wird schwermütig – so kann man es auch sehen.

Irgendwie klar also, dass Menschen bis heute Sagen, Märchen und Mythen erzählen: Sie sind fast immer „archetypische“ Geschichten, in denen es um die grundlegenden Fragen des Lebens geht, und sie übermitteln oft eine gute Portion Lebensweisheit. Gepackt in Bilder, die eben eher nicht wörtlich zu nehmen sind, sondern als Metaphern und Symbole. Wenn der Salvan ein nie endendes Wollknäuel verschenkt, tut er das, um einem freundlichen Mädchen etwas Gutes zu tun. Wenn sie das dann nicht zu schätzen weiß, schimpft und der Faden deswegen plötzlich endet, bevor sie sich besinnt und darüber traurig ist – das erinnert daran, dass das Glück nichts ist, was man planen oder bemessen kann, sondern „geschenkt bekommt“. Wenn man es bemisst, verschwindet es: „Das Schönste, das wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht erkennt und sich nicht wundern, nicht mehr staunen kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“ Sagt Albert Einstein.

Nikolaus Wiesner